Flexitarier – wenig Fleisch, viel Verantwortung

Viele wissen vielleicht gar nicht, dass sie es schon lange sind. Andere dagegen nehmen es für sich in Anspruch, ohne es zu sein, einfach weil sie ein schlechtes Gewissen wegen ihres Fleischkonsums plagt: Sie sind Flexitarier.

Ferkel auf der Wiese

Seit ein paar Jahren taucht der Begriff wellenweise in den Medien auf, und angeblich erstreckt sich der Flexitarismus auf bis zu 50 Prozent der deutschen Bevölkerung. Dafür genießt er im Vergleich zum quantitativ deutlich geringer vertetenen Veganismus eine auffallend unauffällige öffentliche Präsenz. Anlass genug, zu fragen, was es mit dem Flexitarier auf sich hat und wo er im Ensemble der auf Weltverbesserung durch Verzicht ausgerichteten Lebensstile steht.

Was ist Flexitarismus?

Die Definition von Flexitarismus ist unscharf, beinhaltet gängigerweise aber etwa das Folgende: Der Flexitarier ist ein Mischköstler, der seinen Fleischkonsum bewusst mehr oder weniger stark einschränkt. Er erkennt die Argumente der Vegetarier gegen den Fleischkonsum bis zu einem gewissen Grad an, verfolgt aber weniger übergeordnete ethische Ziele als vielmehr das persönliche Wohlergehen. Von der positiven gesundheitlichen Wirkung der vegetarischen Ernährungsweise will er profitieren, ohne aber dem Fleisch ganz zu entsagen.

Flexitarier Kochbuch

 

Die Anerkennung der Vorzüge einer Ernährung, die ursprünglich nicht die seine ist, und die darauf beruhende Reform des eigenen Ernährungsstils machen ihn zu einem Menschen, den man sich nach derzeit verfügbaren Beschreibungsmöglichkeiten nur als jemanden denken kann, der sich biegsam zwischen zwei Welten bewegt, von denen er jeweils das Beste mitzunehmen hofft.

Das hat Konsequenzen für die Qualität und Quantität des Fleischkonsums, den der Flexitarier bewusster angeht als das Gros der Mischköstler. Artgerecht produziertes Fleisch aus ökologischer Landwirtschaft steht statt dem aus industrieller Produktion auf dem Einkaufszettel – und dies weit seltener als durchschnittlich üblich, also deutlich weniger als 1200 bis 1600 Gramm (je nach Erhebung) in der Woche. Genauere Kriterien gibt es nicht, da Reduzierung weit mehr durch die individuelle Haltung festgelegt wird als totaler Verzicht.

Schwer messbar, aber offenbar ein starker Trend

Dass der Trend zu vegetarischer Ernährungsweise anhaltend und stark ist, belegt der Vergleich aktueller Zahlen mit den Schätzungen aus den frühen achtziger Jahren. Waren es damals etwa 0,6% der bundesdeutschen Bevölkerung, die sich fleischlos ernährten, sehen wir heute im Vergleich dazu erstaunliche – aber sehr unterschiedliche – Zahlen.

So ermittelte die Universität Göttingen im Jahr 2013 einen vegetarisch lebenden Bevölkerungsanteil von 3,7%, unter 0,5% Veganer, knapp 12% Flexitarier und weitere 10%, die ihren Fleischkonsum verringern wollten. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft nennt 2015 2% Vegetarier und hat dabei offenbar besonders strenge Kriterien angelegt, denn der Vegetarierbund Deutschland (Vebu) geht im Januar 2015 von ca. 10% Vegetariern (7,8 Millionen) und zusätzlich 1,1% (900.000) Veganern aus. Zum Flexitarismus kursiert 2015 die häufig genannte Zahl von 42 Millionen in Deutschland – mehr als die Hälfte der Bevölkerung.

Gibt es wirklich 42 Millionen Flexitarier in Deutschland?

Ob Letztere wirklich durchweg ihren Fleischkonsum weit unter das Durchschnittsniveau gesenkt haben und nur noch ökologisch orientiert einkaufen, darf bezweifelt werden. Man hätte inzwischen gewiss hören und lesen können, dass die ökologische Fleischproduktion die Marktführerschaft der Massentierhaltung ernstlich bedroht, eine Situation, die für die Zukunft bereits schwer denkbar und die in der Gegenwart allemal noch nicht eingetreten ist.

Eine so hochgegriffene Zahl – und auch die wahrscheinlich realistischere Schätzung von 12% Flexitariern – gibt aber Auskunft darüber, wie unsicher einstmals feste Ernährungsgewohnheiten bei größeren Teilen der Bevölkerung inzwischen geworden sind. Die Ursachen dafür werden sich mit großer Wahrscheinlichkeit unter den üblichen Verdächtigen – Tierschutz, Gesundheit, Umwelt, Nachhaltigkeit – finden, wenn auch nicht von vornherein klar ist, mit welcher Gewichtung.

Welcher Trend bringt welchen hervor? Veganer und Flexitarier.

Weit schwieriger noch dürfte es sein, Kausalbeziehungen zwischen den Ernährungsstilen zu konstruieren: Gibt es immer mehr Flexitarier wegen des Erstarken der veganen Lebensweise? Oder geht Letztere aus der großen Zahl der ernährungsbewussteren Flexitarier zumindest mit hervor. Die eine oder andere Interessengruppe mag hier Erfolge für sich reklamieren, aber außer einem statistischen Zusammenhang gibt es nicht viel Greifbares.

Für genauere Zählungen und Schätzungen fehlt ein exaktes qualifizierendes Merkmal des Flexitarismus. Wie viel weniger Fleisch pro Woche sollte es denn sein? Spielt auch die Häufigkeit des Fleischkonsums eine Rolle oder nur die Gesamtmenge?

Skeptische Verbraucher werden mehr und mehr Flexitarier

Wenn es auch noch an Präzision bei der Messung mangeln mag, so ist der Trend ernst zu nehmen und auch an ganz anderen Umständen als den öffentlich zugänglichen Erhebungen ablesbar. Die großen Lebensmitteldiscounter stellen sich mehr und mehr auf eine dem Fleischverzehr gegenüber skeptisch gewordene Käuferschaft ein. Rentabel werden die entsprechenden Sortimentanpassungen mit stark an traditionellen Ernährungsgewohnheiten ausgerichteten Fleischersatzprodukten gewiss nicht durch den Trend zum Veganismus. Laut (Vebu) hat sich der Umsatz mit diesen Lebensmitteln in den vergangenen Jahren verdreifacht. Die Masse der hier angesprochenen Verbraucher wird sich mehr oder weniger eindeutig dem Flexitarismus zuordnen lassen, selbst wenn der Begriff selbst noch wenig bekannt ist.



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